ÜBER DAS STERBEN NACH DEM SEX UND DAS ALLGEMEINE SEXUELLE VERHALTEN VON TIEREN UND PFLANZEN –  HANS BERNHARD, ÜBERMORGEN

EIN KOMPRIMAT ZU STREET VIEW, SEXUALISIERTER GEWALT UND AMOK, KOLLEKTIVEM INDIVIDUALISMUS UND POV, REPRODUKTIVER IMMUNOEPIDEMIOLOGIE UND EINER RAUMINSTALLATION[1]

Nur wer die Bilder sieht, deren Ästhetik akzeptiert und die Sígnale wahrnimmt, bekommt eine Chance zur Fortpflanzung, denn Echsen[2] haben neuerdings ein stark gegabeltes Geschlechtsorgan je nachdem von welcher Seite sie sich dem Weibchen nähern benutzen sie ihren linken oder ihren rechten Hemipenis; und Libellenmännchen wischen bei der Paarung das Sperma des Vorgängers aus der Samentasche des Weibchens und behalten das Weibchen dann bis zur Eiablage fest im Griff. In  Stadtparks, durch Fütterung unnatürlich hoch, kann es zu Vergewaltigungen von Stockenten durch mehrere Erpel kommen, quasi am anderen Ende des Spektrums; die männliche Breitfuß-Beutelmaus, diese geht auf einen verrückten 31-stündigen Paarungs-Amoklauf und erleidet im Anschluss an die sich ausgebreitete Lust einen tödlichen Zusammenbruch des Immunsystems und für Spinnenmänner ist Paarung oft fantastisch tödlich; dann erlaubt es uns Google Street View ein Konstrukt zu erleben welches Donna Haraway „den Trick Gottes“ nennt – den unmöglichen Wunsch möglichst alles zu sehen, zu sein, alles zu begatten, zu besitzen, dominieren; asynchron kombiniert zur invertierten Sehnsucht nach Leben, einem Aufbäumen – dem Streben nach Selbstwert und Sinnhaftigkeit – kurz vor dem unabänderlichen Sterben – denn, nie zuvor, hatten Menschen einen so einfachen, bedarfsgerechten visuellen Zugang zu öffentlichen Räumen und Daten auf der ganzen Welt, und in den letzten zehn Jahren haben wir diese Macht genutzt; auch weil der Mensch nie so machtlos und verloren war in Anbetracht des eigenen Mutes und überbordenden Optimismus, gepaart mit einer unerklärlichen Grantigkeit schier unaushaltbarer Widersprüche, nie wurde die Zelebration der Zerstörung und Gewalt dermassen über das Recht auf Überheblichkeit, Unversehrtheit und Selbstbestimmung gestellt.

Ein letztes Aufbäumen des Perversen und Irrealen – des grossen Versuchs – und des gerade gescheiterten Individualismusprojekts der Aufklärung; gerade das Scheitern führt zu einer Affirmation der Gewalt und der Ignoranz; gerade das Kollektive ist unsere Zukunft – aber wir verletzen uns selbst wenn wir gerade uns und anderen Gewalt beibringen – und im Bereich des durchaus Möglichen steht jetzt und auch sonst die Gefahr beim Sex eine Hirnblutung zu bekommen; denn durch den erhöhten Druck platzt gerade manchmal ein Gefäß in den Hirnhäuten oder im Zentrum des Gehirns und eine Hirnblutung kann im Zusammenhang mit einem Schlaganfall auftreten, muss sie aber nicht, denn wir penetrieren unseren eigenen Körper immerfort quasi symbolisch und psychisch, zerstören aber andere Körper und Psychen dann auch mal; und in dieser aufgeregten Ruhe, da spricht manchmal Google Street View; zumeist ist es die reine Lust auf der sie angesprochen werden. Es kann nämlich gerade ein echtes stimulierendes Unbehagen mit der Technologie geben, da sie anscheinend zu einem der umfassenderen Überwachungsmechanismen seit es Menschheit gibt gehört.

Jeden Tag sehen die Leute wie sich das Google-Auto nähert, reagieren schnell, in unserem Denken nennen wir ad hoc Performance-Events ‘Tableaux Vivants’ (‘lebende Bilder’) in einem Nicken an die evaneszente Vitalität von Szenen, die zum Leben erwachen, sich aber genauso schnell auflösen; diese Verflüchtigung, diese Flucht. Sie produziert Sehnsucht und Angst, sie verlangt nach bodenständigen Aktionen; denn sexualisierte Gewalt umfasst sexuellen Handlungen die einem Menschen aufgezwungen werden; ein Akt der Aggression und Machtmissbrauchs, nicht das Resultat unkontrollierbarer sexueller Triebe; hier konzentrieren gerade wir Tiere all unsere Reproduktionsenergie auf eine einzige Paarung und sterben im Anschluss und epidemiologisch betrachtet sind wir uns gar nicht einig – denn, ist es eine Epidemie weil es jeden Raum in dieser Gesellschaft bewohnt und sich in den Untiefen der sich entwickelnden neuen Gesellschaften fortpflanzt wie eine immerwährende Seuche; ist es eine Autoimmunerkrankung oder was scheint da los zu sein? ‘Männer begannen, meine Kleider vom Leib zu reissen, sie pressten meine Glieder auseinander und warfen mich herum. Alles was ich sehen konnte, waren ihre grinsenden Fratzen, mehr und mehr Gesichter, lachend und spottend, während ich herumgeschleudert wurde wie Frischfleisch unter hungrigen Tieren.’ Halsketten mit Alarmfunktion, schnittfeste Unterwäsche, komplizierte Gürtelschnallen – immer wieder kommen Produkte auf den Markt, die Vergewaltigungen verhindern sollen – ein Kunststoff-Tampon mit Zähnen den die Frau in die Scheide einführt wenn der Vergewaltiger seinen Penis herauszieht, graben sich messerscharfe Widerhaken hinein; Melissa Mayer sagt dazu: ‘Ich war an dem Tag dabei, als wir die ersten Street View Experimente machten, wir mieten  eine Kamera von Wolf Camera, sprangen in einen blauen Volkswagen Käfer und werden um Palo Alto herum fahren und machen alle 15 Sekunden ein Foto, und dann, am Ende des Tages, nahmen wir eine Foto Sticksoftware um zu sehen ob wir die Bilder zusammenfügen konnten und es war eine bahnbrechende Technologie denn wir wollten unser Logo auf den Mond projizieren und Jahre später und das gesamte Marketingbudget wollten wir aufgreifen und damit tschetschenischen Flüchtlingen helfen und Google-gekennzeichnete Kondome herstellen, die wir an Gymnasien verteilen würden.’

ZUR AUSSTELLUNG ANNE ARNDT, VON TIEREN UND PFLANZEN

06. April – 3. Mai 2019
Eröffnung: Köln, Ebertplatz, Freitag 05. April 2019, 19 Uhr

[1] ANNE ARNDT: ‘VON TIEREN UND PFLANZEN’, http://www.gemeinde-koeln.de/anne-arndt-von-tieren-und-pflanzen/

[2] Rotkehlanolis