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Gur – Dove Tower, Anna Bandke & Anne Arndt, 2019

Auch Stadttauben wird echte Zugehörigkeit oft verwehrt. Anne Arndt und Anna Bandke präsentieren mit GUR-Dove Tower eine Modell-Architektur für Tauben, um diesen, noch immer missverstandenen Vögeln, eine artgerechte Heimat zu geben. Obwohl weiße Tauben als Friedenssymbole oder als Verkörperung des Heiligen Geistes gelten, werden Stadttauben oft als „Ratten der Lüfte“ diffamiert und mit aggressiven und grausamen Mitteln verfolgt. Als verwilderte Haustiere halten sich die Kulturfolger bevorzugt im urbanen Raum auf und fristen dort häufig ein erbärmliches Leben als unerwünschte liminale Tiere. Weil ihr Kot durch falsche Fütterung zuweilen Gebäude und Plätze verschmutzt, existiert eine ganze Industrie, die sich die Taubenvergrämung zur Aufgabe gemacht hat. Anna Bandke und Anne Arndt zeigen neben ihrem Taubenturm, der Möglichkeiten der friedlichen Ko-Habitation verwirklichen soll, in ihrer Installation auch Auswüchse der sogenannten „hostile architecture“ wie etwa Taubenspikes. Auch wenn sich diese Stacheln explizit gegen Tauben richten, gibt es auch vergleichbare stadtplanerische oder architektonische Maßnahmen, um menschliche Obdachlose mit unwirtlicher Möblierung des Stadtraums von längeren Aufenthalten abzuhalten. Hier zeigt sich, dass eine Gesellschaft, die grausam mit Tieren umgeht, oft ebenso wenig solidarisch mit marginalisierten Menschen umgeht. Die skulpturalen Taubenhäuser, die Anna Bandke und Anne Arndt als Modelle, Grundrisse und Entwurfsskizzen präsentieren, orientieren sich an den Bedürfnissen der Tauben. Sie stellen sich damit explizit gegen Ansätze einer feindlichen Architektur und ordnen sich in die relativ neue Kategorie des Animal-Aided Designs ein. Zusätzlich zeigen die Künstlerinnen silhouettierte Friese, die auf eigene Erfahrungen mit Tauben in der Kindheit und auf positive Taubennarrative in Legenden anspielen und so das Persönliche mit dem Politischen verquicken. Durch diese Szenen, die genauso einen historischen Rückgriff auf die Ko-Habitation mit Tauben darstellen wie einen utopischen Ausblick auf einen zukünftigen wertschätzenden Umgang mit den Vögeln erlauben, erzählt die Arbeit von Gewalt gegen Andere genauso wie von Interspezies-Solidarität. – Jessica Ullrich

Die Trennung von Kultur und Natur, zeigt sich in der geordneten, gereinigten Stadt durch ein gewalttätiges System. Mittels Gift, Stacheln, Netze, akustischer Signale, Tierattrappen, Elektroschocker wird der Lebensraum von nicht-menschlichen Tieren, wie der Stadttaube militärisch abgegrenzt. Die Taube wird, trotz symbolischer wie emblematischer Konnotation zur urbanen Pest degradiert. Ihr Nutzen für Landwirtschaft, Kommunikation und Nahrung geriet in unser heutigen hoch industrialisierten Welt durch fehlende ökonomische Produktivität in Vergessenheit. Als Antithese einer idealen Metropolis, Störung der modernen Raummatrix, als unruly creature beschrieben, die aus dem Urbanen entfernt werden muss. Doch die von der Felsentaube abstammende, verwilderte Stadttaube gehört zu den ersten domestizieten Tieren und ist ein anpassungsfähiger Kulturfolger. Die Taube als Stadtbewohner*in, als „companion species“ im Sinne Haraways zu betrachten, ermöglicht es die Stadt als Raum für speziesübergreifende Beziehungen zu verstehen, in der Subjektivierung zur Solidarisierung führen kann. – AA

Inspiriert durch den Diskurs der Human-Animal Studies und des Animal- Aided Design entstanden mittels architektonisch-künstlerischer Praktiken, skulpturale, gar monumentale Entwurfsmodelle von Taubenhäuser der Wertschätzung und Solidarität.

Modelle 1:50, Bandke – Lehm, Arndt – Birke, 3D – Druck,
Sound: Konversation der Tauben, Geschichte in vier Akten: Wandfriese, Holz